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Schulpsychologie in Finnland: Egalitäre Gerechtigkeit und Schülerpflege oder "Keiner darf verloren gehen!"

Eindrücke nach einem Besuch in Schulen und bei der Schulpsychologie in Hämeenlinna (Finnland) im Mai 2005

1. Eindruck:
Im Gegensatz zu Deutschland hat Finnland mit der notwendigen Schulreform schon 1975 konsequent durch die Einführung der Gemeinschaftsschule begonnen. Finnland macht hier offensichtlich seitdem weniger handwerkliche Fehler bei der Umsetzung der ständigen Verbesserung als Deutschland. Vor allem leidet Finnland nicht an der gnadenlosen Überschätzung der eigenen Stärke, die Deutschland und vor allem die alte BRD bis zum Pisa-Schock und wohl auch noch weiterhin kennzeichnet.

2. Eindruck:
Die beobachtbaren Konsequenzen sind ein u.a. auf den Erkenntnissen der pädagogischen Psychologie basierendes wirksames schulisches Verhältnis- und Verhaltensmanagement zur Förderung des Wohlbefindens der Lehrkräfte, der Schülerinnen und Schüler sowie der Erziehungsberechtigten durch:

  • die Gemeinschaftsschule,
  • die Betonung des frühen zur Eigenverantwortung erziehenden Lernens schon ab dem Kindergarten,
  • eigenverantwortliches und entdeckendes Lernen und entsprechende Lehre,
  • die "Schülerpflege" in Form individueller Lehr- und Lernpläne bis hin zur individuellen Förderung und Forderung,
  • wirksame Unterstützungssysteme wie z.B. Schulpsychologie,
  • einheitliche Zuständigkeit der Kommune für das Personal, die Sachmittel der Schule und den Schulbau,
  • modernes Schulmanagement, systematische Evaluation und kontinuierliche Verbesserung.

Die Schulen in Hämeenlinna verstehen sich unterstützend sowie entwicklungsorientiert und deutlich weniger auslese- und kontrollorientiert als die Schulen in Deutschland (aus der finnischen Perspektive wahrgenommen). Eine wesentliche Folge davon ist, dass das Personal im finnischen Schulwesen eine sehr hohe Wertschätzung durch die Gesellschaft erfährt.

3. Eindruck:
Die Schulpsychologie ist natürlicher Bestandteil des schulischen Unterstützungssystems für die Lehrkräfte (systemischer Ansatz und Respektierung der Verantwortungsstruktur).
Die Schulpsychologen und –innen sind mindestens einmal wöchentlich in ihren Schulen und dann von allen Beteiligten also Lehrkräften, Erziehungsberechtigten, Schülern und Schülerinnen direkt ansprechbar.

Die Schulpsychologen und –innen nehmen gemeinsam mit den Sonderpädagogen und -innen sowie den Sozialpädagogen und –innen der Schule regelmäßig an den Schülerpflegebesprechungen teil, die sich alle zwei bis vier Wochen unter Leitung des Schulleiters bzw. der –leiterin vor allem um die Förderung und Forderung der Risikoschüler- und -schülerinnen bemühen.
Daraus entwickeln sich schulinterne schülerbezogene Maßnahmen in Form runder Tische, die individuelle Förderpläne, Maßnahmen der Schulpsychologie, der Erziehungsberatung, des schulärztlichen Dienstes oder auch externer Rehabilitation und Therapie erarbeiten und verabreden. In diese Maßnahmen sind die Erziehungsberechtigten konsequent einbezogen. Die Schülerpflegegruppe begleitet und evaluiert die individuellen Förderpläne.

Der Schwerpunkt der Schulpsychologie liegt bei der personorientierten Arbeit in den 2., 3., 6. und 7. Klassen der Gemeinschaftsschule. Die Arbeit ist durch die regelmäßige Präsenz in und die Kooperation mit der Schule deutlich dem systemischen Ansatz folgend auch systemorientiert.
Für die Zukunft wünschen sich die Kollegin und der Kollege in Hämeenlinna eine Ausweitung der Schwerpunkte in Richtung Lehrkräfte- und Schulleitungsfortbildung.

Die finnischen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen können diese Unterstützung der Schule leisten, da sie i.d.R. mit ganzer Stelle jeweils 2500 Schülerinnen und Schüler zu versorgen haben. Für Deutschland gilt die Relation von etwa 1 : 16500 (!). D.h., dass in Deutschland die sechsfache Anzahl von Schulpsychologen und –innen tätig werden müsste, um auf finnischem Niveau die Schulen unterstützen zu können.

Zusammenfassend war mein Gesamteindruck hinsichtlich der Schulpsychologie in Hämeenlinna-Finnland, dass diese sich im Gegensatz zu Deutschland nicht in der Quantitäts- Qualitätsfalle befindet, sondern statt dessen ein gut entwickeltes Element eines gut entwickelten Schulwesens ist.

Dr. Bernd Jötten
Burgdorf im Juni 2005