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PISA - Baumerts Gedanke

BAUMERTs GEDANKE
(von Jötten aufgegriffen und polemisch weitergedacht)

In den Köpfen deutscher Lehrkräfte treibt ein Virus sein Unwesen mit äußerst bedenklichen Folgen für die Schüler und Schülerinnen wie auch für die Lehrkräfte: der Mythos des Sokratischen Dialogs.
Lehrkräfte planen den Untericht wie eine Vorlesung oder ein Drehbuch. Dieses kann in wenigen Fällen für Lehrkräfte, die für diese Methode besonders begabt sind, und für wenige auserlesene Schüler ein exzellentes Konzept sein, das auf Protagonisten dieses Ansatzes faszinierend wirkt.

Im Regelfall des Schulalltags, der nicht den Gesetzen der Bühnenshow folgt, ist dieser Anspruch der Lehrkräfte an sich selbst und an die Schüler der Grund für persönliches sowie vor allem professionelles Scheitern, schlechten Unterricht, schlechte Leistungen der Schüler und für ein wenig förderliches Lern- sowie auch Schulklima.
Da nur wenige Lehrkräfte diese "Kunst" beherrschen, gerät also die Mehrheit täglich während ihres Unterrichts in hoher Frequenz in Störungslagen mit krisenhaften Konsequenzen und erheblichem Disstress. Warum?

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sich selbst in vermeindlich homogenen Lerngruppen Schüler und Schülerinnen befinden, die dem Unterricht nicht folgen können oder wollen bzw. gedanklich dem Scenario des Lehrers vorauseilen und dieses mitteilen. Das Störungspotential für die Lehrkraft ist also bei diesem Unterrichtskonzept gewaltig. Jede dieser Störungen löst (bei Nicht-Zynikern) eine Krise aus, die dem Krisenzyklus folgend zunächst verdrängt, nicht wahrgenommen oder ausgeblendet wird. Das folgende Stadium ist dann Ärger, Zorn und Aggression gegenüber dem Störer, was natürlich Beziehungsbelastungen zwischen der Lehrkraft und dem Schüler oder den Schülern nach sich zieht. Die sachorientierte Arbeit des Unterrichts kippt dysfunktional um in den beziehungsorientierten Lehrer-Schüler-Kampf. Das gut gemeinte aber wenig professionelle Unternehmen endet in dem sich tief verwurzelnden Gefühl auf Seiten der Lehrkraft eigentlich immer und schicksalhaft die falschen Schüler zu haben.
Das führt zu Leiden, zu burn-out etc. Die Konsequenz auf Seiten der Schüler ist entsprechend: "Scheißlehrer"!. Vor diesem Hintergrund haben sogar beide Seiten Recht. Die Lehrkräfte können aus dieser Situation nichts lernen (außer Zynismus ), denn die Verantwortung tragen in ihrer Wahrnehmung nicht sie selber, sondern das Scheitern liegt ja ausschließlich bei den Schülern, die so elendig missraten sind. Die Schüler wussten schon immer, dass es so ist. Der Klassenlehrer begrüßte die Schüler zur allerersten Stunde mit den Worten, dass hier nur jeder Dritte das Abitur mache; worauf er Brief und Siegel gäbe. Er gab sich redlich Mühe und am Ende behielt er Recht. So erinnert sich ein Vater an seinen Gymnasialstart 1977.

Wenn diese Situation noch vor den Hintergrund eines Schulwesens stellt wird, in dem meist frontal unterrichtet wird, das sich ständestaatlich organisiert und eher von Selektion als von
Integration geprägt ist, dann ist nachvollziehbar: Es macht wenig Freude in einer solchen Anstalt zu leben, zu lernen und zu arbeiten. Pisa belegt es schwarz auf weiß!

Welche Konsequenzen können gezogen werden?
Der Mythos des sokratischen Dialogs sowie die ständestaatliche Schulstruktur müssen überwunden werden. Die Schule in Deutschland sollte integrierend, differenzierend fördernd und fordernd sein. Ein Leitgedanke skandinavischer Schulkultur lautet: den Schüler, den ich habe, habe ich.
Im Sinne des psychologischen Paradigmas des "reflexiven Subjekts" sollte in der Schule die kognitive Lust am entdeckenden Lernen vorherrschen, am eigenverantwortlichen Arbeiten und am Experimentieren in Gruppenarbeit. Die Abweichung und die Kreativität benötigen einen höheren Stellenwert als das abfragbare Wissen, das nur eine richtige Antwort zulässt. Wissen wird erst wieder attraktiv, wenn es die Grundlage für die Selbstentdeckung, für die Weltentdeckung und für die Selbstverwirklichung ist. Arbeitsfreude und Lernerfolg sind dann die Belohnung für die Lehrkraft und ihre Lehrleistung sowie für die Lernleistung der Schüler und der Schülerinnen.
Die Einstellungsänderung bei den Lehrkräften, in den Schulbehörden und in den Hochschulen muss Tiefenschichten des Menschenbildes erreichen; erst dann wird der Wechsel von der auslesenden Differenzierung zur individuellen Förderung gelingen, wird die dominante auslesende Benotung durch fördernde Rückmeldung wesentlich ergänzt werden können.

Alle "Sündenfälle" deutscher integrierter Gesamtschulen, denen heute nachgesagt wird, dass sie schärfer differenzieren und selektieren als das traditionelle Schulwesen, sind Ausdruck einer hilflosen Flucht in die traditionelle Kultur der deutschen Schule und Gesellschaft, die die Botschaft der Reformpädagogik nie annehmen konnten; eine Botschaft, die z.B. Schweden aus Deutschland erfolgreich importiert hat.

In diesem Zusammenhang ist für die Schulpsychologie Christoph Hanckels Provokation von 1997 bedenkenswert. Im Anschluss an einen Beitrag von Bärsch zu den drei Aufgaben der Schulpsychologie: Einzelfallhilfe, Unterrichtshilfe und Schullaufbahnberatung schreibt Hanckel (1997, 23):"Interessant wäre es, zu sehen, was in Hamburg (und anderswo in der Republik) aus dem zweiten Bereich schulpsychologischer Arbeit, der Unterrichtshilfe geworden ist. In diesem Zusammenhang muss man sich selbstkritisch fragen, was denn der von Thomas Fleischer (1994) 20 Jahre nach dem Bericht von Bärsch geschriebene (sehr kluge und vermutlich weitgehend ignorierte) Artikel "Unterricht als Aufgabe schulpsychologischer Beratung" für die Selbstdefinition des einzelnen Schulpsychologen und der gesamten Zunft bewirkt hat.
Zur Provokation von Widerspruch sei die These gewagt: Inhalte und Qualität von Unterricht sind den Schulpsychologen ebenso gleichgültig wie der Schulverwaltung und der Schule selbst".

Struck forderte 1994 visionär: "neue Lehrer braucht das Land". Ich sage: das Land braucht Lehrer und Lehrerinnen, die dem sokratischen Eid verpflichtet sind, den H: v. Hentig formuliert hat. Und es benötigt dem entsprechend mutigere Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, die ihre Kompetenzen zur Förderung von guter Schule und gutem Unterricht aktiver und nonkonformistischer einbringen als bisher!

Dr. Bernd Jötten
Burgdorf, Februar 2002

Literatur zum Thema:

  • Fleischer, Th. (1997): Der personzentrierte Ansatz und das Lernen in der Schule; Hohengehren, Schneider
  • Hanckel, Ch. (1997) titelloser Kommentar; in: Sektion Schulpsychologie: 75 Jahre Schulpsychologie in Deutschland; DPV, Bonn (S. 23)
  • Jötten, B. (1977): Sozialformen des Lernens; Münster, Aschendorff
  • Klippert, H. (2000): Pädagogische Schulentwicklung; Weinheim und Basel, Beltz
  • Struck, P. (1994): Neue Lehrer braucht das Land; Darmstadt, Wiss. Buchges.